Moritz Klaßen

Moritz Klaßen

Beziehung 4 Min. Lesezeit

Gefühle kontrollieren: warum der ständige Griff danach dich unruhiger macht

Viele glauben, emotional stabil sei, wer seine Gefühle im Griff hat und immer ruhig bleibt. Dieser Anspruch macht oft das Gegenteil. Hier liest du, was der Unterschied zwischen Unterdrücken und Regulieren im Alltag wirklich bedeutet und wie du deine Gefühle spürst, ohne dass sie dich steuern.

Emotional stabil zu sein, das setzen viele mit Selbstbeherrschung gleich. Wer stabil ist, spürt weniger, ärgert sich seltener und bleibt in jeder Lage sachlich, so die Annahme. Klingt vernünftig. In der Praxis führt genau dieser Anspruch aber oft dazu, dass Menschen unruhiger werden.

Ein Klient von mir war stolz darauf, dass ihm im Job nie etwas anzumerken war. Kritik, Zeitdruck und ein anstrengender Kollege prallten scheinbar an ihm ab, außen blieb er glatt und freundlich. Zuhause dagegen reichte eine falsch geräumte Spülmaschine, und er wurde laut. Er verstand das lange nicht. Er dachte, er sei doch der Ruhige, der Beherrschte. Was er nicht sah: Er hatte den ganzen Tag Gefühle weggedrückt, und irgendwo mussten sie raus.

Der Mythos vom Deckel drauf

Die Vorstellung dahinter ist simpel: Ein Gefühl kommt hoch, du drückst es weg, und dann ist Ruhe. So funktioniert es aber nur kurz. Ein Gefühl, das du wegschiebst, verschwindet nicht. Es wartet. Mal meldet es sich als Anspannung im Nacken, mal als schlechter Schlaf. Und manchmal kommt es als Ausbruch über die Spülmaschine.

Der Preis für diese Art von Selbstbeherrschung ist auch, dass du dich selbst schlechter kennst. Wenn du jedes unangenehme Gefühl sofort abwürgst, bekommst du nie mit, was es dir eigentlich sagen wollte. Ärger zeigt oft, dass eine Grenze überschritten wurde. Traurigkeit deutet meistens darauf hin, dass dir etwas fehlt. Wer den Deckel draufhält, hört diese Hinweise nicht mehr.

Dazu kommt: Das Wegdrücken kostet Kraft. Den ganzen Tag freundlich zu wirken, während innen etwas brodelt, ist anstrengend. Abends bist du erschöpft, und die Geduld für die Menschen, die dir am nächsten stehen, ist aufgebraucht. Genau das erlebte mein Klient.

Was regulieren wirklich heißt

Emotional zu regulieren heißt, dass du ein Gefühl spüren kannst, ohne dass es sofort dein Verhalten übernimmt. Du bist wütend und schlägst trotzdem nicht auf den Tisch. Du bist verletzt und schreibst trotzdem nicht die bittere Nachricht, die du morgen bereust.

Beim Unterdrücken tust du so, als wäre gar kein Gefühl da. Reguliert hast du dann, wenn du das Gefühl zulässt und trotzdem selbst entscheidest, was du damit machst. Das klingt nach einer kleinen Verschiebung, verändert im Alltag aber viel. Du bist nicht mehr davon abhängig, dass gute Laune herrscht, um dich anständig zu benehmen.

Kinder zeigen das gut. Ein kleines Kind wird wütend und wirft sich auf den Boden. Es hat noch keine Möglichkeit, zwischen Gefühl und Handlung einen Moment einzuschieben. Erwachsene können das lernen. Dieser Moment dazwischen ist der ganze Punkt.

Ein einfacher Weg im Alltag

Wenn ein starkes Gefühl hochkommt, hilft es, in drei Schritten vorzugehen. Du musst das nicht perfekt können. Sieh es als etwas, das du übst.

  • Benennen. Sag innerlich, was gerade da ist. „Ich bin gerade richtig genervt.“ Oder: „Da ist Angst.“ Das klingt banal, macht aber einen spürbaren Unterschied. Ein Gefühl, das du benennst, wird ein Stück kleiner und begreifbarer.
  • Erlauben. Lass das Gefühl für einen Moment da sein, ohne es sofort loswerden zu wollen. Du musst es nicht mögen. Du musst nur nicht dagegen ankämpfen. Oft merkst du: Es wird von selbst weniger, wenn du aufhörst, es wegzuschieben.
  • Entscheiden. Jetzt, mit ein bisschen Abstand, wählst du, was du tust. Sagst du etwas? Gehst du kurz raus? Wartest du, bis du klarer bist? Diese Wahl hast du nur, wenn du die ersten beiden Schritte nicht überspringst.

Mein Klient hat angefangen, im Job kurze Pausen einzubauen, in denen er merkte, was in ihm los war. Ihm fiel auf, dass ein bestimmter Kollege ihn regelmäßig wütend machte, und er hat das einmal ruhig angesprochen, ohne laut zu werden. Zuhause wurde es dann ruhiger, weil abends nicht mehr so viel Aufgestautes bei ihm ankam.

Warum weniger Kontrolle mehr Stabilität bringt

Das Ziel ist nicht, ständig entspannt zu sein. Ärger und Nervosität gehören zum Leben, und wer nichts davon zeigt, wirkt nicht stabil, sondern angespannt. Stabilität heißt eher, dass dich ein starkes Gefühl nicht mehr umwirft. Du spürst es, du weißt, dass es vorbeigeht, und du reagierst nicht kopflos.

Das lässt sich in kleinen Situationen üben. Beim genervten Warten an der Kasse. Beim Ärger über eine E-Mail. Bei der Enttäuschung über eine Absage. Jedes Mal, wenn du ein Gefühl benennst statt es wegzudrücken, wird es beim nächsten Mal ein Stück leichter. Es geht nicht darum, das an einem Tag zu schaffen.

Der Klient sagte mir irgendwann, er fühle sich seltsamerweise ruhiger, seit er sich erlaube, auch mal genervt zu sein. Das ist kein Widerspruch. Wer seine Gefühle zulässt, muss sie nicht mehr bekämpfen, und das spart die Kraft, die vorher im Wegdrücken steckte.

Der Griff nach Kontrolle fühlt sich nach Sicherheit an, hält aber nicht, was er verspricht. Du musst deine Gefühle nicht beherrschen, um mit ihnen zurechtzukommen. Es reicht, sie zu bemerken, sie einen Moment auszuhalten und dann in Ruhe zu entscheiden, was du tust. Das ist weniger anstrengend, als ständig von dir zu verlangen, immer gefasst zu sein.

Häufige Fragen

Kurz beantwortet, damit du besser einordnen kannst, was dieser Impuls für dich bedeuten kann.

Bedeutet emotionale Stabilität, dass ich weniger fühle?

Nein. Stabilität heißt, dass dich ein starkes Gefühl nicht mehr umwirft. Du spürst Ärger oder Trauer weiterhin, kannst sie aber aushalten, ohne kopflos zu handeln. Wer nichts fühlt, ist meist eher angespannt als ruhig.

Was ist der Unterschied zwischen Gefühle unterdrücken und regulieren?

Beim Unterdrücken tust du so, als wäre kein Gefühl da, und drückst es weg. Beim Regulieren lässt du das Gefühl da sein und behältst trotzdem die Wahl, was du damit tust. Der Moment zwischen Gefühl und Handlung ist entscheidend.

Wie fange ich an, meine Gefühle besser zu regulieren?

Übe es in kleinen Alltagssituationen. Benenne innerlich, was gerade da ist, erlaube dem Gefühl für einen Moment, da zu sein, und entscheide dann mit etwas Abstand, was du tust. Mit jeder Wiederholung fällt es leichter.

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